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Schwedenzeit und Mauerstreit...

Inspirationen aus Verdens Geschichte für Gabriel Reinkings historische Posse

 

Krameramt:

Bereits im frühen Mittelalter war der nördliche Teil der Stadt Verden, die Norderstadt, eine lebendige Kaufmanns- und Handwerkersiedlung, die von der Handelsstraße und Wegkreuzung von Ost nach West und von Süd nach Nord sowie von der Landverbindung über die Aller profitierte. Die heutige „Große Straße“ stand als Via Regia (Königsweg) unter besonderem Schutz und die norderstädtischen Kaufleute waren stolz auf die Privilegien, die ihnen aus ihrer Reichsunmittelbarkeit entstanden. Mit der Gründung des Krameramtes 1605 manifestierten die Norderstädter die schon zuvor bestehenden Verordnungen, mit denen die Taler innerhalb der Stadtmauer und oder zumindest im Rahmen der Bannmeile um die Stadt verdient und ausgegeben werden sollten. Der Tradition, nicht nur dem eigenen, sondern auch dem Wohl Verdens zu dienen, fühlt sich der Kaufmännische Verein, 1892 in Nachfolge des Krameramtes gegründet und nicht mehr nur den Norderstädtern vorbehalten, heute noch verpflichtet.

 

Norder- und Süderstadt:

Norder- und Süderstadt lebten seit dem 13. Jahrhundert in einer angespannten Nachbarschaft selbstständig nebeneinander her. Auf der Großen Straße in Höhe der heutigen Nagelschmiedestraße existierte ein Stadttor, das abends von beiden Seiten verschlossen und bewacht wurde. Nach dem 30-jährigen Krieg und mit dem Westfälischen Frieden von 1648 beherrschte das Königreich Schweden weite Teile Norddeutschlands und somit auch Verden.

Den permanenten Zank der Stadthälften versuchte die schwedische Königin Christine (1626 bis 1689) dadurch zu beruhigen, dass sie zunächst der Süderstadt ein eigenes Stadtrecht verlieh. Da diese Vorgehensweise nicht funktionierte, gab sie schon um 1650 die Vereinigung in Auftrag – erlebte aber den Zusammenschluss als Herrscherin nicht mehr. Königin Hedwig Eleonora konnte erst nach langwierigen Verhandlungen am 19.07.1667 die Vereinigung von Norder- und Süderstadt vollziehen.

 

Streit um die Domweih

Wer heute die Domweih, dieses traditionsreiche Verdener Volksfest in der ersten Juniwoche, besucht, ahnt nicht, wieviel Streit und Lamento mit diesem Fest einmal verbunden waren.

Ursprünglich tatsächlich an die Weihe des Verdener Domes gebunden, fanden das Fest und der Markt natürlich rund um den Dom statt. Im 17. Jahrhundert jedoch begann die Domweih über die Grenzen der Süderstadt hinauszuwachsen und brachte damit dem Norderstädter Rat einiges an Budenpacht ein. Diese Tatsache ärgerte die Süderstädter, insbesondere den Verwalter der ehemaligen Kirchengüter, sehr, denn dessen Einnahmen bestanden zum Teil aus der Budenpacht eben dieses Marktes, die ihm nunmehr teilweise entgingen. Lange Zeit und immer wieder wurde über den Verlauf und die Budenaufstellung der Domweih debattiert. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte der damalige Bürgermeister, dass die Domweih zu verlegen sei. Seitdem findet das Volksfest, wie auch heute noch, in der Großen Straße am Rathaus vorbei, in der Herrlichkeit und auf dem Wall statt.

 

Der Tempelpfortenstreit

Die Existenz der Tempelpforte – so genannt, weil sie für die Marschbewohner der nächste Weg zu Dom und Andreaskirche, für die Bürger des Fischerviertels ein Zugang zur im 30-jährigen Krieg zerstörten Marienkapelle jenseits der Allerbrücke war – führte in Verden am 6. Juni 1653 zu tumultartigen Zuständen. An diesem Tag begann der bereits mit Stadtrechten versehene Südteil mit dem Ausbau der Pforte und provozierte damit eine schwere Auseinandersetzung mit der Norderstadt, die sich überrumpelt und finanziell geschädigt fühlte. Letzteres hatte seine Ursache darin, dass der nördliche Teil von alters her die Brücken über die Aller unterhalten musste und nun zu erwarten war, dass ihm das übliche Brückengeld anteilig entzogen werden würde. Zudem drohte der vom Domkapitel und der Stadt gemeinsam angelegte, der Länge nach halbierte Fischteich zu verschmutzen. Diesbezügliche Beschwerden beider Stadthälften bei der schwedischen Regierung in Stade hatten nur einen einseitigen Erfolg: Da in Stade der Ausbau der Tempelpforte zuvor genehmigt worden war, wurden die Vertreter der Norderstadt zum Regierungssitz zitiert, wo man sie vorübergehend arretierte.

Im Jahre 1664 kam es anlässlich der Domweih abermals zu Ausschreitungen. Süderstädtische Torwächter wollten einen Marktbeschicker aus Liebenau, der auf seinem Wagen Sensen mitführte, zwingen, den Weg nicht durch das Brückentor, sondern durch die Tempelpforte zu nehmen. Der Wortwechsel rief die Torwachen beider Seiten auf den Plan, die mit Piken und Partisanen aufeinander einschlugen. Es kam zu gegenseitigen Geiselnahmen und die Situation eskalierte derart, dass sich beide Stadthälften komplett bewaffneten und aufeinander loszugehen drohten. Bevollmächtigte der schwedischen Regierung griffen schließlich ein und verhinderten Schlimmeres. Die daraus resultierenden Gerichtsverhandlungen zogen sich jahrelang hin und endeten erst 1667 mit der Vereinigung von Norder- und Süderstadt.

 

Domschule

Bischof Eberhard von Holle (1566 bis 1586) führte im Stift Verden die Reformation durch und gründete 1578 das Domgymnasium, das weithin einen besonders guten Ruf genoss. Seit dem 16. Jahrhundert gehörten also, und gehören heute noch, Studenten der Domschule zum gängigen Straßenbild Verdens.

 

Verdener Bier

Bier gehörte in Verden stets zu den beliebtesten und am reichlichsten genossenen Getränken, da es ausgesprochen nahrhaft war und vor allem der Gesunderhaltung des Körpers diente. Tatsächlich machte die Erhitzung der Zutaten während des Brauvorganges und der Alkohol den Trunk keimarm, was man im Gegensatz dazu zum Beispiel vom Brunnenwasser nicht behaupten konnte. Zahlreiche Ratsverordnungen aus unterschiedlichen Zeiten belegen, wie sehr Einwohner und Obrigkeit Verdens bemüht waren, die Qualität des lokalen Bieres zu wahren, die Einfuhr „ausländischer“ Biere zu unterbinden und somit jedem der zahlreichen vor Ort ansässigen Brauern seinen gerechten Marktanteil zukommen zu lassen. Noch im 19. Jahrhundert zählte die Brauereigilde sechzig Braumeister.

In einem Bericht des Verdener Arztes Dr. Trumph von 1744 steht über das Verdener Bier zu lesen: „Dieses Bier hat auch einen hohen Nährwert und verursacht dabei nicht allzu viele Blähungen.....Zugleich muss aber angemerkt werden, dass eine gewisse Sorte des Bieres die Milch zum Gerinnen bringt, wenn beides zusammen gekocht wird, und dass sich Eier in diesem Bier nicht genügend auflösen, wenn es zur Herstellung einer Suppe verwendet wird.....Übrigens kann nicht bestritten werden, dass dieses Bier...außerordentlich sättigt und dickflüssig ist. Deshalb ist es auch für Akademiker weniger geeignet, da es ja bei ihnen schneller, als es bei robusten Menschen der Fall ist, in den Kopf steigt und den Bauch beschwert.“

 

Der Bierstreit

In den Verdener Bischofschroniken ist auch dieser Streit belegt, fand jedoch zu einer anderen Zeit statt als in Gabriel Reinkings historischer Posse „Liebesleid und Mauerstreit“. Aus einem Grund, den die Chroniken nicht benennen, verweigerten die süderstädtischen Domherren des Domkapitels den Domschülern einmal das traditionsgemäß alljährlich ausgegebene Fass Bier. Daraufhin zogen die Schüler dreist in die Norderstadt, vertranken dort das Bier und beruhigten den Wirt mit der erfundenen Behauptung, dass die Domherren die Zeche bezahlen würden. Die aus dem Schelmenstreich erfolgenden Aktionen und Reaktionen in Süder- und Norderstadt verschärften die Situation im Laufe des Tages derart, dass die Bürger beider Stadthälften wiederum zu den Waffen griffen, auf der Großen Straße eine Barrikade errichteten und bereit waren, sich in kriegerische Händel zu verwickeln. Nur der mutige Einsatz einiger besonnener Bürger verhinderte das Schlimmste.