raub

 

08

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verden in der Biedermeierzeit

Historische Hintergründe zum Stück „Der Raub des Domschatzes“

 

Biedermeier:

Die historische Phase um 1830, in der unser Stück spielt, entstand aus einer sehr bewegten Vorgeschichte. Diese hatte jeden Einzelnen so sehr in Atem gehalten, dass der Rückzug in private Sphären, in familiäre Gemütlichkeit und Harmonie zum Symbol einer Epoche wurde: Die Biedermeierzeit war geboren.

 

Ihren Ursprung hatte sie in der Französischen Revolution von 1789. Deren Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit („Liberté, Egalité, Fraternité!“) stellte alle vorher gültigen Gewissheiten der absolutistischen Herrscher Europas in Frage.

 

Die dadurch ausgelösten Kriege - sowie nachfolgend Napoleon Buonapartes Eroberungen -zerrütteten und unterwarfen nicht nur das Deutsche Reich. Erst nach der Niederlage Napoleons in Russland konnten die Alliierten in den Befreiungskriegen diesen Ansturm beenden. Zwar versuchte der „Wiener Kongress“ (1813 bis 1815), auf dem angeblich nur getanzt wurde, das Rad der Geschichte noch einmal zurück zu drehen und die alten Herrlichkeiten erneut zu etablieren. Doch die Ideen der Freiheit des Einzelnen, der Emanzipation des Volkes gegenüber seinem Herrscher, der Gewaltenteilung im Staate, der Notwendigkeit einer Verfassung und vieles mehr waren aus den Köpfen nicht mehr zu eliminieren – und wagten in der bürgerlichen Revolution von 1848 den schüchternen Versuch, Wirklichkeit zu werden. Aber das ist bereits eine andere Geschichte.

 

Pauperismus:

Neben Krieg und Politik hielten Hunger- und Teuerungskrisen die Menschen in Not. So sehr, dass dafür ein neuer Begriff gefunden wurde: Der Pauperismus beschreibt die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten. Viele träumten vom fernen Amerika mit seinen weiten, unberührten Ländereien. Dort, so glaubte man, könne der Einzelne sich frei entfalten, flössen Milch und Honig und ermöglichte die dortige Verfassung das Streben nach Glück - Sehnsucht nach „pursuit of happiness“.

 

Ulanen:

Verden war damals eine gemütliche Kleinstadt von rund 3500 Einwohnern. Die Bürger waren stolz auf „ihre“ Ulanen des Herzogs von Cumberland, stationiert in den soeben erbauten Kasernen am Holzmarkt. Diese berittenen Soldaten waren eine Spezialtruppe der Kavallerie. Der Begriff Ulan kommt aus dem Polnischen und geht auf das türkische Oglân (Knabe) zurück. Die unter anderem mit Lanzen bewaffneten Reiter waren 1807 in Preußen aufgestellt worden und hatten dort als Truppengattung bis in den Ersten Weltkrieg hinein Bestand.

 

Unsere Stadt an der Aller beherbergte ab 1828 das Sechste - auch Verden-Hoyasche genannte – Regiment „Herzog von Cumberland-Ulanen“ einschließlich Stabsquartier. Zusammen mit den „Königs-Ulanen“ in Stade gehörten die „Cumberland-Ulanen“ zur Vierten Kavalleriebrigade, deren Stab ebenfalls ihren Sitz in Verden hatte. Die paradierenden Soldaten müssen stets ein prachtvolles Bild abgeben haben; ihre Uniformen werden wie folgt beschrieben:

 

„Grüne Collets mit roten Kragen und Aufschlägen, rotem Futter und goldener Besetzung, grüne Beinkleider und Mäntel, sowie schwarze Tschappkas (seltsame, oben viereckig geformte Helme) in englischer Form. An den Lanzen flatterten gelb-weiße Fähnchen in den Welfenfarben (des Königshauses Hannover). Außerdem hatten die Ulanen gelb-weiße Leibbinden und kurze Stiefel. Die Kopfbedeckung zierte die Auszeichnung „Waterloo“.“

 

Mehr zur Garnisonsgeschichte Verdens präsentiert das Historische Museum Domherrenhaus in der Unteren Straße 13, etwa drei Gehminuten vom Domfestspielplatz entfernt.

 

Das Spielcasino im Verdener Brunnen:

 

Um 1830 war die Allerstadt außerdem gerade auf dem Sprung zu einem mondänen Kurbad. Das Spielcasino im Verdener Gesundbrunnen versprach exquisite Genüsse und manch’ heimliche Verruchtheit. Schon im 17. Jahrhundert wurde auf die Heilwirkung des Quellwassers bei Uhlmühlen vor den Toren Verdens hingewiesen. Aber erst 100 Jahre später warb die Stadt mit einer Anzeige im Hannoverschen Magazin für den Besuch des Verdener Gesundbrunnens. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein wuchs der Badebetrieb stetig bis zur Größe eines Kurbades heran. Übernachtungshäuser, Badeeinrichtungen, Gesellschaftshäuser, Wandelalleen, Theaterbühnen und das besagte Spielcasino entstanden. Die medizinische Fakultät Göttingen und Ärzte aus dem ganzen Hannoverschen Königreich rühmten die Wirkung des Wassers, die Gästebücher wiesen hochgestellte Persönlichkeiten aus allen deutschen Landen aus; es wimmelte von Kommerzien-, Geheim- und sonstigen Räten!

 

Das Casino avancierte schnell zum gesellschaftlichen Mittelpunkt jeder Saison. Die Offiziere der Verdener Garnison und insbesondere die „jeunesse dorée“, der wilde Nachwuchs der Bremer Kaufmannsfamilien, gingen dort an den Wochenenden auf Frauenfang und ließen auch sonst den lieben Gott einen guten Mann sein.

 

Vielleicht wurden zu häufig Duelle verabredet; vielleicht überschuldeten sich zu viele der Offiziere. Jedenfalls musste die Spielbank 1837 geschlossen werden und das Heilbad verlor damit seinen attraktiven Unterhaltungswert. 1847 wurde das Anwesen verkauft und 1850 begann der Abriss der Bade- und Gesellschaftshäuser.

 

Anfang des 20. Jahrhunderts füllte eine Bremer Firma das Wasser des Gesundbrunnens auf Flaschen und verkaufte es an den Norddeutschen Loyd für dessen Auswandererschiffe nach Amerika. Die eingefasste Quelle ist übrigens noch heute zu besichtigen, gleich unterhalb des Landschulheimes im Verdener Stadtwald.

 

Blumenwisch:

Man könnte annehmen, dass es sich bei diesem Namen eines alten Flurstückes um eine besonders schöne Blumenwiese (Wisch = niederdeutsch für Wiese) gehandelt hätte.

 

Doch das zwischen Stadtmauer und dem Fluss Aller gelegene Land wurde nach seinem Besitzer, dem Bürgermeister Hinrich Blome (1560) benannt. Von ihm ist nur bekannt, dass er in Rostock studiert hat - sonst weiß man über den Namensgeber leider nichts.

 

Sein Land jedoch, die Blumenwisch, erlangte einst makabre Berühmtheit. Hier soll ein Tanzplatz der Hexen gewesen sein, zudem noch ihr Sammel- und Abflugplatz zum Brocken in der Walpurgisnacht! Das gestanden zumindest viele, der dunklen Machenschaften angeklagten Frauen in den grausamen Hexenprozessen in Verden von 1517 bis 1649, denen die schwedische Königin Christine ein Ende bereitete. Heute liegt das Land zum größten Teil unter dem großen Parkplatz an der Reeperbahn.

 

Baumeister Leo Bergmann:

Biografische Einzelheiten sind über diesen begabten Architekten nicht bekannt. Fakt ist, dass 1828 die Regierung in Hannover beschloss, den maroden Dom wiederherzustellen und mit dieser Aufgabe Leo Bergmann betraute. Person, Name und Können müssen dort also in einem guten Sinne bekannt gewesen sein.

 

Leo Bergmann wollte etwas Neues schaffen, denn seinen Plänen zufolge hatte man in den Restaurierungen zuvor versucht, „das neue Schlechte dem guten Alten anzupassen...!“

 

Bergmann ließ alles entfernen, was an die Gotik des Gebäudes und somit an das Mittelalter erinnert: Den kunstvoll geschnitzten Lettner, die Trennwand zwischen Chor und Hauptschiff, die über 40 Altäre wie den gotischen Hochaltar, die 120 Gräber, Grabmale und Ähnliches. Einzig der Levithenstuhl und zwei Bischofssarkophage durften bleiben und sind heute noch zu besichtigen.

 

Irgendwann fiel auf, dass auch alles schmückende und sehr kostbare Beiwerk, z. B. der Altäre und der Gräber, nicht mehr aufzufinden war. Alles, was von den zahlreichen Okkupationen früherer Zeiten übrig war, hatte Bergmann längst heimlich nach England verkauft. Über die Gründe schweigen die Annalen. Man verfolgte Leo Bergmann, setzte ihn fest und zog ihn zur Verantwortung. Jahre später ist er in der Haft-Festung Hohenhameln bei Hameln gestorben.

 

Der Franzosenschatz:

Über lange Zeit machte ein nicht verstummendes Gerücht die Runde, das bis in die Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) zurückreicht. Damals verbündete sich Preußen mit Großbritannien gegen Frankreich und Österreich. Das Kurfürstentum Hannover stand notgedrungen auf Seiten Preußens. 1757 bezog die geschlagene Armee des Herzogs von Cumberland ein Lager bei Verden, musste sich aber bald nach Zeven und Rotenburg/ Wümme zurückziehen. Die einrückenden Franzosen begannen eine für sie üppige Besatzungszeit auf Kosten der Verdener Bevölkerung – alle Bürger mussten zahlen. Besonders schlecht erging es in dieser Zeit dem Dom: Mitten in seiner Predigt, so klagte später der Superintendent, bauten französische Soldaten das Gestühl ab, verbrannten es und machten aus dem Inneren der mächtigen Kirche einen Pferdestall mit Stroh- und Heulager.

 

Am 20. Februar 1758 war die Besatzung vorbei. Braunschweigische und Lauenburgische Husaren vertrieben die Franzosen, nahmen viele Feinde gefangen und machten laut Chronik „ansehnliche Beute“. Die ausgesogenen Bürger der Stadt Verden sahen allerdings von ihrem Eigentum nie etwas wieder und blieben außerdem auf den Schulden, die sie zur Beköstigung der Besatzern hatten aufnehmen müssen, sitzen. Gern hätten die Verdener gewusst, wo denn die zurückeroberten Kostbarkeiten und ihr Geld geblieben waren. So entstand ein „ondit“, ein Gerücht, das immer mehr Anhänger fand: Die den Franzosen abgenommene Beute musste sich noch irgendwo in Verden befinden! Die Sage vom „Franzosenschatz“ war geboren.

 

Der Feuerteufel in Verden:

Sich unkontrolliert entzündende Flammen fanden in Verden stets reiche Nahrung. Die Fachwerkhäuser; offene Feuer in den Küchen, in den Schmieden, in den Ställen und Scheunen, in Kaminen und für Beleuchtung sorgende Tran- oder Petroleumlampen oder auch die weitverbreitete Sitte des Zigarrenrauches ließen die Gefahr eines Brandes ständig gegenwärtig sein. Neben der Freiwilligen Feuerwehr war daher jeder Bürger Verdens noch im 19. Jahrhundert verpflichtet, beim Löschen eines Brandes mitzuhelfen. Dazu wurde man einer Feuerkompanie zugeteilt, hatte die notwendige Ausrüstung vorzuhalten und wurde darin zwei Mal im Jahr kontrolliert. Denn wenn ein Brand auftrat, vernichtete er häufig ganze Stadtteile – wie die Chronik für Verden mehrfach auch für die Zeit unseres Stückes überliefert. Das Spritzenhaus stand damals an der Großen Straße in der heutigen Fußgängerzone.

 

Zigarrenfabrik:

Auch wenn das Rauchen heute zunehmend verpönt wird – die Tabakverarbeitung war rund zweihundert Jahre lang fester Bestandteil des Verdener Wirtschaftslebens. In der Ausstellung „Altes Handwerk“ im Historischen Museum Domherrenhaus vermitteln fantasievolle Verpackungen einen Hauch von Internationalität: In einer Vitrine liegt nicht nur eine eher schmucklose Kiste „Kleine Verdener“, sondern auch die mit altägyptischen Motiven reich verzierte Marke „Krokodil“ oder die anrüchig erscheinende Zigarre namens „Al Capone“. Überbleibsel aus den bis zu 14 Fabriken, die noch um 1900 in der Allerstadt produzierten.

 

Auch kunstvolle Bildbasteleien aus Zigarrenbinden oder gedrehten Tabakblättern dokumentieren den Stellenwert des Handwerks, das sich entwickelte, nachdem englische Hilfstruppen um 1620 das Rauchen in Deutschland populär gemacht haben sollen. Den ersten Antrag an die Verdener Stadtobrigkeit auf Eröffnung einer Fabrik stellte bereits 1698 der Bremer Hinrich Engelke. Richtig in Mode kam das Rauchen von Zigarren 150 Jahre später und bescherte auch der hiesigen Tabakfabrikation einen enormen Aufschwung. Besonders deshalb, weil mehrere Bremer Betriebe aus zollpolitischen Gründen in die Nachbarschaft auswichen: Während das Land Hannover schon 1853 dem deutschen Zollverein beitrat und damit unter anderem beim Verkauf von Waren aus dem hannoverschen Gebiet nach Preußen kein Zoll mehr gezahlt werden musste, blieb Bremen bis 1888 Zollausland. Bei der Ausfuhr waren also entsprechende Abgaben fällig.

 

Wenig von dem Branchenwachstum hatten die vielen Arbeiter, die in den Fabriken tätig waren. Wegen des geringen Verdienstes erledigten nicht nur Männer und Frauen die mühsame Handarbeit des Zigarrendrehens – auch Kinder wurden zu Hilfsarbeiten herangezogen, um das Einkommen aufzubessern. Anderen Familien diente das Herstellen der Tabakware in Heimarbeit als Nebenerwerb. Bis zum wirtschaftlichen Rückgang der Produktion und dem endgültigen Stillstand um 1920 wurden in allerstädtischen Fabriken erst Tabaksorten aus den USA und Brasilien, später hellere Sorten aus Java und Sumatra verarbeitet. Von Verden aus wurden die Glimmstängel in ganz Deutschland, aber auch nach Skandinavien, Afrika, Australien und Indien verkauft.

 

 

Dr. Björn Emigholz

Gabriele Müller