bishof

 

98-2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verden als Bischofsstadt

 

Historische Daten und Fakten für Dieter Jorschiks mittelalterliches Spektakel

 

„Das Geheimnis des Bischofs von Verden“ spielt im Jahre 1487. Die handelnden Personen und die Hauptstränge des Geschehens sind in alten Bischofschroniken überliefert. Die Bischöfe Atzel und Bartholdus, um die sich die Geschichte Dieter Jorschiks rankt, sind historische Persönlichkeiten. Das mittelalterliche Spektakel wirft Fragen von Gut und Böse, von Schuld und Sühne auf. Dabei sind aber die heutigen Vorstellungen von Moral nicht mit den damals vorherrschenden Ansichten und Sitten zu vergleichen: Das ausgehende 15. Jahrhundert war eine Zeit der Kriege, Krisen und Katastrophen, der vielfältigen Nöte und des Werteverfalls. Die Pestzüge hatten manche Landstriche komplett entvölkert; Politik, Wirtschaft und Kultur hatten darauf zu reagieren. Unübersehbare Dekadenzerscheinungen der Kirche ließen den Ruf nach Reformen und damit einer Neuordnung von Machtmonopolen immer lauter werden. Der Tod war im Alltag jedermann allgegenwärtig und der Totentanz wurde zu einem Leitmotiv künstlerischer Darstellungen. Die apokalyptischen Reiter, nämlich Tod, Krieg, Seuche und Hunger, bildeten für jeden Einzelnen eine stets präsente Lebenserfahrung.

 

Bartholdus von Landesbergen

regierte das Verdener Bistum von 1470 bis zu seinem Tode 1502. Ab 1480 war er gleichzeitig Bischof von Hildesheim, wurde dort in allerlei Händel verstrickt und konnte daher nur noch selten sein Verdener Gebiet besuchen. Dennoch hinterließ er in der Allerstadt heute noch zu bestaunende Spuren, zum Beispiel den Dom in seiner heutigen Ausdehnung und Gestalt. Bartholdus ließ nämlich den bis dahin freistehenden Turm mit dem Rest der Kirche verbinden und schuf so den großen Mittelbau. Genau dieser liegt bei den Verdener Domfestspielen im Blickfeld der Zuschauertribünen und bildet den majestätischen Hintergrund der Bühne.

 

Die Anfänge des Verdener Bistums

gehen in der Geschichte weit bis zu den Sachsenkriegen zurück. Während der Gründungsphase des Bistums im 9. und 10. Jahrhundert führte das Verdener Stiftsgebiet ein eher ruhiges Leben abseits der großen Politik. Dennoch mögen sich Kaiser und König wohl stets dieses kleinen Grenzbistums bewusst gewesen sein. Denn der Auftrag der hier residierenden Bischöfe war es, die gesamten Völkerschaften an der Ostsee und östlich der Elbe zu missionieren. Diese Versuche belohnten die Regenten durch die frühe Verleihung der Königsrechte (Regalien), also der Münz-, Markt-, Bann- und Jagdrechte an die Verdener Bischöfe im Jahre 985. In jener Zeit gelang es den überwiegend aus dem sächsischen Adel stammenden Kirchenfürsten, ihr Gebiet zu stabilisieren und durch den Aufbau eines Netzes von Klöstern und Stiften über ein Gebiet, das von Verden ausgehend rund 200 Kilometer in die Altmark reichte, zu festigen.

 

Während des Hochmittelalters

im 12. und 13. Jahrhundert erreichten die Verdener Bischöfe eine bis dahin noch nicht gekannte Nähe zur hohen Politik des Reiches. Allerdings offenbarten die dadurch gegebenen langen und häufigen Abwesenheiten der Bischöfe von ihrem Bistum eine innere Schwäche: Sie verloren die Kontrolle über das Domkapitel. Dieses war ursprünglich eine Gemeinschaft mönchisch lebender Domherren, die das Bistum verwalteten. Das Kapitel wurde jedoch schon im Mittelalter vom umliegenden Landadel als Einnahmequelle und Einrichtung für Versorgungsposten entdeckt. Die Domherren begriffen sich schnell als eigene politische Macht und zwangen regelmäßig den jeweiligen Bischof, sich ihre Loyalität durch Zugeständnisse unterschiedlicher Art zu erkaufen (Wahlkapitulationen).

 

Die Verdener Bevölkerung

musste sich daran gewöhnen, dass selbst in friedlichen Zeiten ihr Bischof nur selten innerhalb seiner Bischofsstadt residierte. Im 12. Jahrhundert bauten die Verdener Bischöfe – auch wegen der Querelen mit dem Domkapitel - die „Rode Burg“ an der Wümme als Residenz aus und gründeten damit die heutige Stadt Rotenburg (Wümme). Den Höhepunkt seiner Macht erreicht das Domkapitel zu Beginn des 15. Jahrhunderts, als es dem päpstlich bestimmten Bischof einen eigenen Kandidaten entgegenstellte. Die Konfrontation dieser beiden gleichzeitig amtierenden Bischöfe beschäftigte jahrelang nicht nur das Bistum Verden, sondern auch die Reichsspitze und das Konzil von Pisa 1409. Bartholdus von Landesbergen war der letzte Bischof, dem es gelang, die Eigenständigkeit des Verdener Bistums zu wahren. Seine Nachfolger wurden immer stärker in die vorreformatorischen Wirren gezogen, bis das Bistum mit dem 30-jährigen Krieg erlosch.